Was haben alle diese Dinge gemeinsam: der Schlüsselroman „Die Guarani“ von José de Alencar aus dem Jahr 1857, die Oper „Guarani“, die 1870 den Komponisten Carlos Gomes unsterblich machte, die intellektuelle Bewegung, die in den 1920er Jahren mit dem Manifest „Antropofágico“ die modernistische Kunstszene Brasiliens prägte, das teuerste Kunstwerk, das jemals in Brasilien gehandelt wurde (das Gemälde „Abapuru“, Preis: 1,5 Millionen Dollar), gemalt 1928 von Tarsila do Amaral, die von dem Sänger Milton Nascimento und Bischof Dom Pedro Casadáliga komponierte Messe über das schlechte in der Welt (Earth Evil Mass), der „Guarani Futebol Clube“ aus Campinas, 1979 Fußballmeister Brasiliens und der Film Mission von Roland Joffé, der 1986 die Goldene Palme der Filmfestspiele von Cannes gewann? Sie alle sind inspiriert von dem indigenen Volk der Guarani.

Guarani bedeutet „großes Volk“. Ihre Geschichte, die weit in vor-kolumbische Zeiten zurückreicht, ist geprägt von dem Kampf um ihr Land. Viele Handelswaren tragen den Namen dieses Volkes oder Bezeichnungen, die sich aus ihrer Sprache herleiten. Radio- und Fernsehsender, Erfrischungsgetränke, Supermärkte, Hotels, Kaffee- oder Milchsorten, Restaurants, Zuckermarken, Putzmittel, - Bezeichnungen, die sich auf die Guarani beziehen, sind allgegenwärtig. Das gilt auch für geografische Namen im großen Becken, von Seen, Städten, Stadtvierteln, Straßen, Stränden, Flüssen, Bergen, Tieren – sie alle erhielten Namen aus der Sprache der Guarani. Doch die Guarani selbst bleiben in der Öffentlichkeit nahezu unsichtbar, insbesondere für die Augen derer, die sie am liebsten aus der Geschichte auslöschen würden.

Jahrhundertelang war die brasilianische Gesellschaft unfähig, die Hilferufe der heiligen Priester zu hören, wenn sie sich gegen ihre drohende Vernichtung erhob. Jahrhundertelang hat die brasilianische Gesellschaft auch das Lächeln der Frauen und Kinder und den herausragenden Widerstand der tapferen Guarani-Krieger aus ihrem kollektiven Gedächtnis ausgelöscht.

Das wenige, was man über sie aus den Nachrichten erfährt, bezieht sich auf ihr Leid, darauf, dass ihr Land fast vollständig besetzt ist, dass ihre Kinder verhungern, dass sie in großer Zahl ermordet werden, dass der brasilianische Staat sogar das Mindestmaß an Rechten, die in der Verfassung verankert sind und von der Regierung in internationalen Abkommen bestätigt wurden, ignoriert, obwohl sie unentbehrlich sind für das Überleben der Guarani. Ihr Name und ihr Vermächtnis sind überall, nur sie selbst bleiben unsichtbar. Ausgeschlossen. Missachtet. Und dennoch bleiben sie die Guarani. Das große Volk.